Samstag, 28. Juli 2012

Hassliebe zu Brüssel

Pfauenmädchen hat vor einigen Tagen sehr liebevoll über eine oft verkannte, aber von mir auch sehr gemochte Stadt - meine Heimatstadt Stuttgart - geschrieben.

Ähnlich verkannt, allerdings von mir eher ambivalent betrachtet (mag ich sie oder hasse ich die Stadt)?) ist Brüssel.

Ich habe vor einiger Zeit für ein halbes Jahr dort gelebt und gearbeitet und habe auch ab und an beruflich das Vergnügen, in Brüssel zu sein. Nachdem meine Schwiegermutter mich um ein paar Reisetipps für Brüssel ("Geheimtipps") gebeten hat, habe ich mich zunächst gefragt "Wer fährt denn freiwillig - und als Tourist! - nach Brüssel?" und dann gegrübelt. Interessante, ja sogar schöne Ecken gibt es dort auch. Und wenn man keine empfindliche Nase hat - an manchen Stellen, insbesondere im Öffentlichen Nahverkehr - ist es etwas muffelig, ist das Geruchserlebnis kein Problem.

Brüssel ist teuer - sagen die Kritiker. Ja, das stimmt! Selbst ein Kaffee und ein Stück Kuchen/ ein belegtes Brot o.ä. kosten schnell mal 7 oder 8 € (im Stehen, versteht sich). Ein Mittagessen entsprechend mehr. Die Mieten sind zumindest in den angesagteren Gegenden exorbitant (ich habe damals für ein möbliertes 1 1/2-Zimmer-Appartement 1200 € bezahlt!!) und insgesamt ist alles einfach hochpreisiger als in Berlin. Deutlich hochpreisiger. Das ist ein großes Problem für all jene, die in Brüssel von "ganz normalen" Gehältern leben und nicht zu dem gutverdienenden Kreis der "Eurokraten" gehören.

Brüssel ist unsicher - sagen die Kritiker. Ich gebe zu, richtig sicher fühle ich mich an manchen Orten auch nicht. Das "Müffelige" und teilweise Unsaubere tragen dazu bei, aber auch objektiv gesehen ist Brüssel wohl eher eine der unsichereren Großstädte. Fast jede/r kennt jemanden, der schon überfallen/beraubt etc. wurde, bei dem eingebrochen wurde usw. Mir ist in der ganzen Zeit, die ich dort war, nie eine irgendwie kritische Situation begegnet und ich war viel, auch abends, unterwegs. (Statt dessen wurde letzten Winter hier in Berlin bei uns eingebrochen...). Allerdings ist es hilfreich, gewisse Ecken zu meiden und öfter zugunsten des Taxis auf die U-Bahn zu verzichten. Aber das gilt bekanntermaßen nicht nur für Brüssel.

Brüssel ist schmutzig und das Wetter ist immer schlecht - sagen die Kritiker. Was den Schmutz betrifft - Zustimmung! Was das Wetter betrifft - da war es auch schon oft anders herum: Regen in Berlin, Ausstieg aus dem Flieger in Brüssel - gutes Wetter. Ich hab´s echt nicht sooo schlecht in Erinnerung. Am 1. Mai habe ich in der Nordsee gebadet und einen Sonnenbrand in De Haan bekommen. Von schlechtem Wetter also keine Rede. Dämpfig ist es allerdings und die Luft ist schlecht. Und ein Schirm in der Handtasche trotzdem nicht schlecht.

Und die guten Seiten? Hervorstechend gut ist, dass man mit der Bahn in nur einer Stunde an der Nordsee ist (das habe ich gerne und oft genutzt) und auch ansonsten tolle europäische Metropolen in kurzer Zeit erreichen kann (London, Paris, Amsterdam, Köln...). De Haan hat mir gefallen. Hier halten sich die Bausünden- anders als an anderen belgischen Nordseestränden - in Grenzen.


Wie gesagt - manche andere Städte an der Nordsee fand ich dagegen schrecklich (z.B. Knokke oder Oostende). Baumonster wohin das Auge reichte. Davon gibts daher auch keine Fotos...

Aber auch wenn man in Brüssel bleibt, gibt es viel Schönes zu entdecken. Vieles kann fußläufig erkundet werden - ein großer Vorteil. Ich habe in der Nähe des Square Ambiorix gewohnt, wo viele schöne Jugendstilgebäude zu bestaunen sind. Überhaupt gibt es in Brüssel neben grässlichen Bausünden schöne Gebäude mit Stil, oft geradezu symbiotisch nebeneinander.





Man kann in Brüssel gut essen und fabelhaft Lebensmittel einkaufen. Direkt neben meinem Appartement war ein Supermarkt, der großartige Sachen hatte. Ich bin so gerne einkaufen gegangen wie noch nie in meinem Leben. Das belgische Bier hat mir geschmeckt, auch wenn ich ans Kirschbier nicht richtig rankam, aber z.B. Leffe fand ich lecker.

Und die Pralinen! Da gibt es richtige Künstler! Marcolini ist ein solcher - ein echtes Erlebnis, dort Pralinen zu kaufen. Aber auch die "normaleren" Pralinen wie Neuhaus o.ä. sind eine Sünde wert, ebenso die Backwaren. In Brüssel das Gewicht zu halten ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hab´s gar nicht erst ernsthaft versucht, mir allerdings ein tolles Fitnessstudio gesucht, damit es nicht ganz so schlimm endet.

Man kann in Brüssel abseits der ganz gängigen Sehenswürdigkeiten wie dem Atomium, dem Manneken Pis oder der Grand Place - wobei dieser Platz wirklich beeindruckend ist - tolle Schätze entdecken. Das Musikinstrumentenmuseum ist ein solcher Tipp - tolles Gebäude, spannendes Museum für alle, die sich für (alte) Instrumente interessieren und ein schönes Restaurant on top mit klasse Aussicht.

Comicfans schauen sich das Tim-und-Struppi-Museum an. Überhaupt Tim und Struppi, die begegnen einem oft. Als Stofftier, auf der Pralinenschachtel etc. Ich bin gar kein Comicfan, aber die Souvernirs gefallen mir trotzdem, sie sind einfach schön gemacht (aber teuer...).

Wer sich für die europäische Komponente in Brüssel interessiert, dem sei das Besucherzentrum des Europäischen Parlaments ans Herz gelegt. Auf der Website des "Parlamentariums" heißt es:

"Erleben Sie das Europäische Parlament auf eine völlig neue Weise! In unserem Besucherzentrum in Brüssel können sich Kinder und Erwachsene auf eine interessante und originelle Entdeckungsreise durch die Institution begeben, die sie in Europa vertritt.
Dynamische und interaktive multimediale Darstellungen begleiten unsere Besucher durch die Geschichte der europäischen Integration und zeigen, wie sie unser tägliches Leben beeinflusst." Ich war selbst noch nicht drin, aber Kollegen haben mir berichtet, dass es sich wirklich lohnt (und auch in einer Stunde machbar ist). Überhaupt lohnt sich ein Bummel durch das Euro-Viertel, man muss allerdings beachten, dass außerhalb der Bürozeiten und am Wochenende dort nichts los ist und es deshalb besonders abends riskant ist, dort zu Fuß unterwegs zu sein.

Einmal im Jahr kann man in Laeken abends die küniglichen Gewächshäuser - beeindruckende Jugendstilbauten - besichtigen. Wer dies zeitlich einrichten kann, sollte es nicht verpassen!

Leider hatte ich damals noch keine sonderlich gute Kamera, so dass es keine schönen Nachtaufnahmen gibt.

Die Parks sind ein weiteres Thema! Große Parks, teilweise schön angelegt, laden zum Spazierengehen, Joggen etc. ein. Ich habe den Cinquantenaire sehr gerne. Er ist groß genug und bietet daneben auch einige sehenswerte Museen.

Oder die Plätze - kein Geheimtipp, aber ein lohnendes Ziel, besonders zu Marktzeiten ist der Place du Chatelain. Wer in ist - oder es sein will, ist dort zugange.

Lust auf einen Tripp in meine hassgeliebte Stadt bekommen? Viele Flieger führen dort hin (auch Billigflieger wie Easyjet), nur preiswerte Hotels zu bekommen, das ist schwer. Besser schonmal ein bißchen zu sparen anfangen...

Überzeugt?

Viel Spaß bei der Reiseplanung!

Poldi





Kommentare:

  1. Ich war nur einmal ein Wochenende dort, auch wenn das ja quasi direkt bei uns umme Ecke ist. Mir hat´s gefallen. Die Schoki war der Hammer. Ob es mir für 6 Monate gefallen würde? Keine Ahnung. Warst Du mal in Brügge? Wunderschöne Stadt. LG nach T.!

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  2. Leider nein. Weil der Frühling/Sommer meiner Brüsselzeit vom Wetter her so schön war, bin ich immer nur in Richtung Nordsee mit der Bahn an Brügge vorbeigefahren. Aber Brügge möchte ich unbedingt auch mal besuchen. Schade nur, dass mein lieber Mann Belgien so gar nicht mag. Lg zurück in Richtung Westen, Poldi

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